Wie so oft sitze
ich mit Dir am Frühstückstisch.
Wir zwei, Kaffee, Marmeladenbrote und Ruhe, die nur durch das Zwitschern der
Vögel vor dem Küchenfenster gestört wird.
Alles schön harmonisch, was?
Doch ich weine.
Tränen laufen mir über das Gesicht.
Du siehst mich
an, lächelnd, und sagst nichts.
Die Schuld und die Ungewissheit liegen bei mir.
Habe ich Dir oft genug gesagt, dass ich Dich lieb hab?
Warum habe ich nicht mehr Zeit mit Dir verbracht?
Wie gerne würde ich Dich noch einmal in den Arm nehmen.
Du legst den Kopf leicht schräg, und Deine Augen mustern mich.
Du lächelst und meine Tränen geben auf.
Ein schönes Bild von Dir.
Es zeigt Dich so wie Du warst.
Ich habe nur schöne Erinnerungen an Dich.
Und das Foto, das nun hier bei mir steht.
Danke, Opa Ari.
Menschen,
jeder für sich, eingeigelt,
vom Körper abgeschirmt nach außen;
Gedanken bleiben verschlossen,
Träume und Ängste dringen kaum nach draußen.
Jeder Mensch sich selbst der nächste ist,
jeder schaut, was der andere hat,
das er bei sich selbst vermisst.
Neid macht sich breit,
das "Mensch sein" wird vergessen,
jeder will sich am andern nur messen.
Jeder für sich ein Individuum,
versucht Schwächen auszugleichen,
kann die ganzheitliche Stärke jedoch
nur in Gemeinschaft erreichen.
Katja Müller-Gottschalk
Silke Kuwatsch
Wie viele Spritzer macht eine Tasse Cappuccino?
Es war an einem Freitag, wo mir diese
Frage in den Sinn kam. Und nicht nur diese. Doch als ich mich morgens gähnend
im Bett räkelte, ahnte ich noch nichts davon.
Es war ein schöner Wintertag, der
Himmel war blau, es war kalt, aber es lag glücklicherweise kein Schnee (im
Grunde habe ich nichts gegen Schnee, aber seitdem mein Muskelschwund immer
Besitz ergreifender wird, behindert mich nicht nur dieser massiv, wenn ich das
Haus verlassen will, und das wollte ich an diesem Abend, weil ich einen
Kosmetiktermin hatte).
Doch bis es soweit war, lag erstmal
ein ganzer Vormittag Ich-Zeit vor mir. Ich hätte ihn praktisch nutzen können,
keine Frage. Es gab genug unsortierte Post und schmutzige Socken, doch ich
entschied mich als erstes für ein gemütliches Frühstück vor dem Fernseher, und
das ganze selbstverständlich im Schlampenlook. Nebenbei würde ich bei ebay
stöbern und ein paar Dinge, die weder die Welt noch die Verwandtschaft braucht,
ersteigern. Das Fest der Feste stand schließlich bevor. Mir fiel ein, dass ich
sogar doch meinen praktischen Teil zu diesem Vormittag beitragen würde, denn
das Geburtstagsgeschenk für Opa musste verpackt werden. Na, wer sagt’s
denn.
In den dreiundachtzig Sekunden, in
denen ich in meinem Aufzug in die untere Etage ratterte, ging ich noch einmal
das neue Nudelrezept durch, das ich so gegen Mittag in Angriff nehmen wollte.
Wenn man muskelkrank ist, meint man,
dass die Gegenstände monatlich an Gewicht zunehmen, dabei ist das gar nicht so.
Trotzdem fand ich den Wasserkocher an diesem Morgen ziemlich schwer.
Im Fernsehen war das Morgenmagazin fast
zu Ende. Und damit begann das Verhängnis. Ich trieb mich zur Eile, obwohl diese kluge Stimme in meinem
Kopf mahnte, die Ruhe zu bewahren. Ich überhörte sie, weil ich es noch nie
leiden konnte, dieses besserwisserische Geschwätz. Dabei hätte ich es besser
wissen sollen.
Minuten später dampfte der Cappuccino
in meiner Lieblingstasse, er duftete köstlich, und Nina und Peter füllten in
ihrer Hochzeitsdoku bereits strahlend den Bildschirm aus. Mein lebhafter Geist
wollte die lahme Anatomie meines Körpers zu Hochleistungen anspornen, denn ich
wollte auf keinen Fall diesen wichtigen Moment in Ninas Leben verpassen, wo sie
in ihrem Brautkleid vor den Altar trat.
Während ich meine Krümel von der
Arbeitsplatte wischte, klangen bereits begeisterte Ah’s und Oh’s an mein Ohr.
Hektisch griff ich zweimal neben den Knopf, der den Geschirrspüler in Gang
setzte und schnappte mir dann den Cappuccino mit links. Mit rechts hatte ich
keine Chance mehr, aber links, da war das Handgelenk noch etwas stabiler. Die
Stimme in meinem Kopf brüllte laaangsam,
während ich mich mit der rechten Hand von der Spüle abstieß, um in Schwung zu
kommen. Beim nächsten kleinen Schritt, der für meine Verhältnisse ein schneller
kleiner Schritt war, blieb ich mit dem rechten Zeh am Türrahmen hängen.
Nina sieht sicher wunderschön aus,
dachte ich, während der Fußboden auf mich zustürmte. Mit voller Wucht schlug
erst die Tasse auf den Fliesen auf und dann ich mit dem Kinn. Scheiße, voll die
Sauerei, schoss es mir durch den Kopf. Dann dachte ich blitzartig an meinen
armen Kiefer und meine noch echten Zähne. Eine vorsichtige Tastprobe
bestätigte, dass alles noch da war, wo es hingehörte. In diesem Moment
erreichte der Schmerz das dafür vorgesehene Zentrum in meinem Gehirn. Mein Arm
brannte wie Feuer. Heiße, klebrig braune Flüssigkeit verschweißte gerade den
Pulloverärmel mit der Haut. Ich zerrte den Ärmel hoch und starrte auf die
feuerrote Stelle, brüllte kurz mal die Wände an, die ich samt Fußboden im Stile
moderner Kunst verziert hatte. Wie viele
Spritzer macht wohl eine Tasse Cappuccino? Ich wusste gar nicht, dass diese
besserwisserische Stimme auch witzig sein konnte. Anzumerken ist an dieser
Stelle, dass das Chaos den kleinen Teppich vor mir verschont hatte. Wunder
gescheh’n eben immer wieder.
Warm tropfte es aus meinem Gesicht
auf den noch sauberen anderen Ärmel. Ich schniefte. Ich meine, Blut geht doch
echt schlecht wieder raus. Und mit zerrissenen Hosen und versauten Shirts
konnte ich mich von jeher ganz schlecht abfinden.
Die Ah’s und Oh’s im Wohnzimmer waren
verklungen, stattdessen gab’s Werbung für blütenweiße Wäsche. Scheiß auf Nina
und Peter. Irgendwann könnte ich sie mir ja in einer siebzehnten Wiederholung
angucken. Tropfend robbte ich zur Treppe und hangelte mich mühsam an den Stufen
hoch. Das ging besser als ich dachte. Warum ist das eigentlich so? Wieso
schafft in solchen Situationen mein Körper Dinge, die er sonst verweigert? Zwar
gerade nur so und irgendwie. Aber immerhin. Wieso finde ich den
Aktivierungsknopf sonst nicht? Mein Kopf schien aber doch beeinträchtigt, denn
ich fand keine Antwort. Gleichmütig holte ich Wasser und Lappen und putzte und
sammelte mit stoischer Ruhe die kleinen Scherben auf und freute mich, dass die
Wände abwaschbar waren. Beinahe heiter vollendete ich mein Werk.
Hunger und Durst landeten zusammen
mit den Scherben im Mülleimer, dann legte ich mich entkräftet auf das Sofa und
folgte Dr. Stefan Frank in seine Praxis.
Später kochte ich Nudeln, wie
geplant. Ich bin ja kein Weichei. Natürlich passte ich höllisch auf, denn ein
Unglück kommt bekanntlich selten allein, und das Abgießen würde heute
garantiert nicht mehr in meinen Zuständigkeitsbereich fallen. Nebenbei
betrachtete ich mich vorsichtig im Spiegel und stellte fest: Wenn ich den Kopf
ein wenig nach unten neigte, konnte ich die kleine blutverkrustete Stelle ganz
gut verbergen.
Zum Teufel mit der Eitelkeit, es kam
natürlich doch ans Tageslicht. Uwes Gesicht legte sich in Sorgenfalten, aber
ich winkte ab. Halb so schlimm. Nix passiert. Mir geht es gut. Ich seufzte
erleichtert, als er in seiner Werkstatt verschwand und ich mich unter meiner
Decke ein wenig bemitleiden konnte. Ich hasse es, wenn andere Menschen merken,
dass ich auf den Kopf gefallen bin. Das ist wie nackt ausziehen. Sicher, ich
hätte auf die vernünftige Stimme in meinem Kopf hören und bei jedem Schritt
immer schön konzentriert nach unten gucken müssen. Dann wäre das alles nicht
passiert. Wenn der liebe Gott mir nicht diese wunderbare Krankheit geschenkt
hätte, aber auch nicht.
Bis zum Kaffeetrinken beschäftigte
ich mich mit dem Kosmetiktermin und der Frage, mit welcher Ausrede ich ihn
absagen könnte, kam aber zu keinem befriedigenden Ergebnis. Tröstlich war, dass
ich wenigstens die Brandwunde unter dem Pullover verbergen konnte.
Ich hatte Glück. Aus welchen Gründen
auch immer interessierte sich die Kosmetikerin überhaupt nicht für die Ursache
der Wunde und damit auch nicht für meine Dummheit. Ich kam gut versorgt und
ungeschoren davon und machte mich glücklich mit einem frisch geschnittenen
Stück Aloe auf den Heimweg. Davon schmierte ich mir auch was auf den Arm,
schließlich hat das Zeug den Ruf, bei der Wundheilung wahre Wunder zu
vollbringen.
Als ich nach dem abendlichen Kraft-
und Ausdauertraining beim Ausziehen und Klostemmen ins Bett fiel, war ich
beinahe zufrieden. Der Schmerz ließ dank Aloe-Vera nach und für die Seele würde
sich auch noch ein Pflaster finden. Es hätte schlimmer kommen können.
Opa!
durchzuckte es mich da wie ein elektrischer Schlag. Der Geburtstag war morgen! Warum passieren diese Missgeschicke
eigentlich ausgerechnet immer dann, wenn Familienfeste auf dem Plan stehen?
Doch ich schlief ein, bevor ich eine Antwort gefunden hatte.